Freitag, 9. November 2007
Meine neue Bekanntschaft mit Namen Udo
Seit ein paar Wochen nähe ich Drachen ... Dazu gekommen bin ich wie sprichwörtlich die Jungfrau zum Kind: überraschend
. Mein Jüngster geht in eine Offene Ganztagsschule in Aachen. Das heißt, es gibt eine Nachmittagsbetreuung. Neben dem gemeinsamen Essen und der Hausaufgabenbetreuung werden sehr schöne Kurse angeboten. Tanzen, Theater, Zirkus, Yoga, Kochen, Trommeln und mehr steht auf dem Programm. Das engagierte Team um "Wetti" hat sich Gedanken gemacht, dass die Kinder nicht nur da sein müssen, sondern auch Spaß an und während der Zeit haben. Die Betreuung ist für Erst- bis Viertklässler, und mein Sohn gehört zu den Großen.
Vor ein paar Tagen kam ich ihn abholen, und als mich Renate fragte, ob denn Bill mit mir wegen „dem Nähen” gesprochen habe, ich das verneinte und er mit einem leicht missbilligenden Blick ihrerseits dann förmlich das "Ach ja, jetzt erinnere ich mich!"-Gesicht aufsetzte, kam seine Frage: "Mama, nähen wir mit Drachen?!?" Nähen = IMMER. Ich sagte zu
und jetzt so langsam wird mir das Ausmaß meines freimütigen JAs bewusst. Vorab - ich bereue es nicht... "Ja" hieß nun konkret Freitag ab eins mit Nähmaschine und Ausrüstung in der Schule erscheinen. Einmalig dachte ich. Meine Frage am Vortag in der OGS bezüglich der Nähgarnfarbe wurde beantwortet mit "bunt", es wäre so viel Material da in vielen Farben. „Viel“ machte mich dann stutzig
.
Nun ja, der Freitag kam und mit ihm begegneten mir das erste Mal Udo (links) und seine großen blauen Plastiksäcke
. Jene, gefüllt mit Industrieabfällen von Ballonseide und Segeltuch hatte er bei den entsprechenden Firmen erbeten und in die Schule gebracht. Udos Hobby ist Drachen zu nähen. Er ist herzkrank und noch nicht wirklich alt. Seinen Beruf kann er nicht mehr ausführen und als „Rentner” zu Hause fiel ihm die Decke auf dem Kopf. Seine Frau arbeitet noch und ist den ganzen Tag nicht da. Er ist ein sehr offener Mann, und als er an die alte Klassenleiterin seiner Tochter (vor über 20 Jahren einmal am Lousberg eingeschult) dachte, rief er in der Schule an und fragte, ob er irgendwas mitmachen könnte, helfend und seine Zeit sinnvoll nutzend. Seither begleitet der gelernte Ingenieur für Elektrotechnik die Hausaufgabenbetreuung. Alle Kinder danken es ihm
, denn Mathe ist mit Udo nur noch halb so schwer. Da offenbar noch Zeit übrig blieb, besuchte er die oben erwähnten Firmen und sammelte Material.
Mit einem selbst erstellten Schnittmuster und einigen praktischen Ideen in der Umsetzung für den Drachenbau kam er dann am ersten gemeinsamen Freitag an, streckte mir und den beiden anderen anwesenden Muttis die Hand entgegen und meinte. "Hallo, ich bin der Udo und wer bist du?" Seine Geschichte und Intention erfuhr ich erst bei weiteren Treffen. Ich bewundere die Entschlusskraft, sich sinnvoll einzubringen. Nähende Männer haben für mich keinen Seltenheitswert, ein "solcher" Udo jedoch schon! Er hat Drachennähahnung, eine ziemlich alte Maschine, ein für mich etwas fragwürdiges Nahtbild und eine lustige Beschreibung der Nähtechniken. Es geht aber nicht um besondere Leistung, sondern darum, dass sie fliegen. Das werden wir gemeinsam testen – nach dem Nähen.
Wir haben uns viel vorgenommen, denn die Plastiksäcke sind groß, mehr als 60 Kinder besuchen die OGS und wenige Mamas haben Zeit oder Geschick an der Nähmaschine. Also wird pro Mama bestimmt mehr als der eigene Drachen genäht ...
Udo hat es uns ganz simpel vorgemacht, dass man Zeit dafür haben kann, wenn man es will. Ich freue mich heute schon auf einen stürmischen Tag mit leuchtenden Kinderaugen, roten Wangen und buntem Himmel. Danke Udo für diese Idee, mit der Nähmaschine gemeinsame Höhepunkte vorzubereiten!
Anne Liebler
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