Nein, das ist kein erhobener Zeigefinger oder ein herablassender Rat für die Allgemeinheit, sondern die leicht schmunzelnd im Spiegel überbrachte Selbsterkenntnis. Ich habe ja schließlich einiges erlebt und kann davon erzählen. Nicht nur das Erleben ist wichtig, auch das Erfahren. Wie man was macht, welche Technik sich wofür eignet oder wobei das eigene Interesse gänzlich gegen Null strebt, lernt man mit den Jahren.
Näh- und handarbeitstechnisch heißt das beispielsweise bei mir:
| Ja - unbedingt! | Nein - mag ich nicht |
| Ich hefte gern, damit ich das erwählte Wunschmodell vorab gut anprobieren und eventuell vorhandene figurbedingte Änderungen abschätzen kann. | |
| Ich nähe bei transparenten Stoffen gern französische Nähte. | |
| | Nicht wirklich reizt mich das Nähen von Dessous, aber Hemdchen und Nachtwäsche wiederum ... Ja, da ist das Interesse dann doch da. |
Ich stricke gern mit klappernden Nadeln , im Sockenstrickspiel und beim Häkeln sind mir die unterschiedlichen Griffstücke egal. | |
| Nicht egal ist mir die Form meines Nahttrenners. Ich brauche den mit dem flachen Griff. | |
Ich glaube, so kann jeder seine eigene Tabelle erstellen. Ja, aber
– wenn es kein ABER gäbe, wäre diese Kolumnenüberschrift ohne Inhalt – manchmal wandert eine Einschätzung von der einen in die andere Spalte.
So wie bei diesem Beispiel. Vor einiger Zeit war ich zur Neuheitenpräsentation bei einer Firma. Vorgestellt wurde unter anderem auch eine Strickmühle, mit der "Man(n)", Frau und auch Kind ziemlich schnell und unkompliziert in Runden und Reihen stricken kann. Eigentlich ... strickt man nicht, man kurbelt. Das ist nun kein gängiger Begriff für eine Handarbeitstechnik. Ich gebe zu, das Gerät bei der ersten Inaugenscheinnahme belustigt angesehen zu haben. „Nett”, sagt man in einem solchen Fall meist höflich
und ich dachte „Das ist doch kein richtiges Stricken”!
Drehen, drehen, drehen und nochmal ... hmm. Es geht rasant schnell, aber außer dass man aufpassen muss, dass der Faden gut abgezogen wird und man weiterdreht, muss man nicht wirklich viel dabei tun. Das kann ermüden. So weit meine Theorie. In den letzten Tagen habe ich Schals gemacht. Einige – und jeden anders bunt. Zum Thema Fußball-EM 2008 und die vertretenen Länder durfte ich mir etwas einfallen lassen. Bei jedem begonnenen Schal kam eine neue Idee. Ach, was war ich froh, dass es schnell ging, bis ich mich ans nächste Teil machen konnte. Meine Ideen musste ich nicht lange "konservieren". Irgendwann am späten Abend stand ich dann drehend am Tisch und begann über mich zu lachen. Die Begeisterung, die mich erfasst hatte, schnell die Ideen umsetzen zu können, hätte ich kaum erwartet. Wie war mein erster Eindruck????! Dabei sind mir dann auch andere Gelegenheiten eingefallen, bei denen nicht nur ich unbewusst ein Schild in die Höhe halte, auf dem steht: ES LEBE DAS VORURTEIL!
Auch im Bereich Nähen sind sie zahlreich vertreten. „Kinder im Teeniealter ziehen nichts Selbstgenähtes mehr an”, ist eines davon! „Nähen ist altbacken” gehört dazu oder „Die Zutaten sind ja soooo teuer, es lohnt sich nicht!” Meine jüngsten Kinder sind 10 und 12 Jahre alt und wir haben uns öfter über das "Schild" unterhalten. "Klamotte bekommt ihre Chance"! Sie ziehen an, was ich ihnen nähe. Dabei höre ich auf ihre Wünsche und dann ist ein Tag Schule angesagt, zum Vorurteilüberprüfen. Wird die Hose, das Hemd oder was auch immer als "uncool" gewertet, dann muss er es nicht mehr in die Schule anziehen. Es passiert ganz selten
und dann werden diese wenigen Sachen in die Freizeitgarderobe verlagert. Die Hosen sind nämlich "gemütlich" - sagt er, auch wenn sie derzeit an seiner Schule nicht "angesagt" sind. Sie passen und halten gut, denn ich hatte mir Zeit genommen und auf Verarbeitungsqualität geachtet. Vorurteile sollte man hin und wieder hinterfragen oder sich einfach auf das, was man meint, nicht zu wollen, probehalber einlassen. Ich war überrascht und belustigt, meine Argumente im Gespräch mit den Kindern dann im Spiegelbild zu sehen
. Auch "älter" lernt man immer wieder was Neues – sogar bei sich selbst
.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen: Nähen, stricken oder gestalten Sie was Schönes
und überdenken Sie mal die eigene Liste der Ablehnungen auf diesem – unserem – Gebiet. Als kleiner Tipp: Es gibt ab Januar einige schöne Kindermodelle bis Gr. 176. Geben Sie den Schnitten, der Strickmühle und den Kinderklamotten eine Chance?
Viele Grüße,
Anne Liebler
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Kolumne
Hobbyschneiderin