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Samstag, 1. September 2007

Kreativität muss fliessen

Schon seit langer, langer Zeit wollte ich euch mal ein wenig über Kreativität erzählen. Warum? Nun, in der Zeit in der ich einen Stempelladen hatte, ist mir immer wieder die Meinung von Kunden begegnet, ich sei kreativ. Viel kreativer als sie es sind. Dem habe ich zwar immer widersprochen, doch meist nicht sehr überzeugend. Eines Tages habe ich dann in einem Workshop einen kleinen Test durchgeführt: Noch aus meinen Uni-Zeiten hatte ich eine Kursstunde in Erinnerung, in der wir in einem Experiment vorgeführt bekamen, dass Kunst und künstlerisches Schaffen keine Frage des Zeitaufwandes ist, und man Zeichentalent nicht mit Fleiß erreichen kann.

Das Experiment war simpel: Wir bekamen 2 körpergroße Bögen Papier und die Aufgabe, auf das erste Blatt einen Menschen zu zeichnen, der eine Treppe hochsteigt. In 30 Minuten. Als wir alle damit fertig waren, das gleiche Bild nochmal.... in 30 Sekunden. "Waaas?" dachten wir. Aber was soll ich sagen, die schnellen Kritzelbilder waren ausnahmslos besser und lebendiger gezeichnet. Weil "aus dem Bauch raus".

Das gleiche habe ich meinen Kursteilnehmern zugemutet. In so vielen Kursen, in denen ich gezeigt habe wie man ein gestempeltes Motiv ausmalt, habe ich hören müssen "SIE malen das so schön aus, und ICH kann das nicht!" Und warum? Weil die meisten Menschen ein leeres Bild bis zum letzten Winkel auspinseln müssen- argh! Das Experiment  aus der Uni im Hinterkopf habe ich meine armen Teilnehmer gezwungen, ihre Blümchen in 1 Minute fertig auszumalen. Und die meisten konnte ich überzeugen, dass das intuitive Malen viel schönere Ergebnisse zeitigt, als das krampfhafte Ausfüllen jedes noch so kleinen Freiraumes im Motiv.

Warum ich das wieder so langatmig erzähle? Nun... ich kann es nicht lassen. Ich WEISS das JEDER so kreativ sein kann wie ich. Ich bin doch ein ganz normaler Mensch. Gut, einer der ein bisschen spinnt und viel träumt, aber mein kreatives Potential ist doch auch nicht so anders als das eure. Dennoch "sehe" ich oft mehr als andere. Wieder zurück in den Stempelladen: Eine Kundin wurde nie müde zu jammern, dass ich viel mehr Ideen hätte als sie. Eines Tages besuchte sie eine Bastelmesse, auf der ich vorführte. Dabei fiel mir ein Stempelkissen aus der Hand und auf die Karte, die ich in Arbeit hatte. Ihr könnt euch kaum vorstellen, mit welch diabolischer Genugtuung sie lauthals verkündete: "Ha! Der Bärbel ist auch was schief gegangen! DER passiert das auch!" Aber das hab ich kaum gehört, denn auf das feuchte Rechteck mit der Stempelfarbe streute ich sogleich ein Schmelzpulver, das wir zum Stempeln benutzen, und wiederholte den Vorgang. Nach 4 Schichten Schmelzpulver konnte ich dann ein Stempelmotiv in das noch warme, weiche Pulver drücken, und hatte einen zauberhaften Siegeleffekt, ähnlich eines Wachssiegels. Meine Kundin war maßlos frustriert, hatte ich doch aus dem vermeintlichen "Unfall" noch ein kleines Kunstwerk geschaffen.

Nun, diese kleine Anekdote kam mir seitdem oft in den Sinn, wenn ich Menschen begegne, die in dem Glauben sind sie wären nicht kreativ. JEDE(R) ist kreativ, innen drin. Ich verzweifele nur manchmal, es meinen Mitmenschen klarzumachen. Denn "helfen" würde ich ja gern, jedermanns (uns fraus) Kreativität herauszukitzeln. Aber es wäre dann nicht mehr ihre eigene. Sondern meine. Und somit nutzlos.

Ich kann nur an Fallbeispielen erläutern, wie MEINE Kreativität funktioniert. Nämlich zufällig. Oder vermeintlich zufällig. Man muss sie fliessen lassen. Sich selbst überlassen. Vielleicht fällt es mir deshalb so leicht, mir Neues auszudenken. Weil mein Kopfkino 16 Stunden am Tag auf Sendung ist. Und fliesst. Bevor ich diesen Text anfing, habe ich mir eine kleine Aufgabe gestellt, quasi als Fingerübung. Wolle. (Ja, ich will endlich mal wieder was stricken, im Herbst) Aber was kann man mit Wolle sonst noch machen? Stricken ist zu profan. Da sehe ich (und ich sehe wirklich die Bilder in meinem Kopf) Wolle, wie sie sich auflöst, der Faden lang und länger wird. Und wieder zu einem festen Knäuel aufwickelt. Immer weiter, bis das bunte Knäuel etwa die Größe eines Tennisballs hat. Der Ball schwebt vor mir, wie ein Planet im Weltall. Und hängt an dem Fadenende, wie an einer Nabelschnur, und gewinnt an Schwere. Das Knäuel beginnt herabzuhängen, an dem Faden. Das sieht aus wie eine Christbaumkugel. Ich sehe einen Weihnachtsbaum, der mit vielen kleinen bunten Woll-Knäulen behängt ist. Voilá! Meine erste kleine Kreativ-Idee zum Thema Wolle: Eine XMas Deko für Stricklieseln.

Nun, so geht es bei mir tagein tagaus. Alles bewegt sich, alles ist im Fluss. Nichts ist statisch. Vor mir die Fensterbank. Ist die statisch? Nein. Heute habe ich versucht im Badezimmer einen neuen Bodenbelag zu verlegen (und deshalb das Nähbrunch abgesagt, heul). Und als wir den alten PVC rausreissen, löst sich der halbe Estrich in Wohlgefallen auf! Und als ich so vor der Kloschüssel rumkrieche und klopfe und kehre, bemerke ich, dass die neuen Risse im Estrich exakt an den gleichen Stellen verlaufen, wo im uralten Belag darunter ebenfalls Risse sind. Eigentlich logisch, denn das Haus "arbeitet". Es sackt ab, dehnt sich aus, zieht sich zusammen. Und bricht immer an der gleichen Stelle. Das will ich euch damit sagen: Es bewegt sich, ist im Fluss. Wie die Fensterbank, die schon seit 20 Jahren diesen großen Riss hat. Wären 100 Jahre für mich wie ein Wimpernschlag - ich könnte sehen, wie das Haus in dem ich sitze sich biegt und beugt. Es ist in Bewegung, wenn auch sehr, sehr langsam.

Wir alle sind im Fluß. In 100 Jahren zu Staub zerfallen. Und Kreativität bedeutet nur, aus etwas.... etwas anderes zu machen. Ob es hinterher besser oder schöner ist, liegt oftmals auch nur im Auge des Betrachters.

Und wie wichtig es ist, die Gedanken fliessen zu lassen, könnt ihr euch hier anschauen: TV-Sendung zum Thema Kreativität. Ich habe diese Sendung bei meiner Recherche zum Thema Kreativität entdeckt. Und möchte sie als Einstieg nehmen, euch meine Kreativität ein wenig näher zu bringen. Denn ich habe Ideen. Wie wir gemeinsam kreativ sein können. Denn schöpferisch tätig zu sein kann von Vielem ablenken, und sei es - wie in meinem Fall - nur von endlosem Renovierungsfrust. Schaut ab und zu mal rein in die neue Rubrik "Kreativität", und sei es nur, um euch ein wenig abzulenken. Denn das fördert wiederum die Kreativität. Garantiert!;-)

Geschrieben von snowwhite um 23:36 Uhr in Kreativität
   

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