Mittwoch, 28. Mai 2008
Unterwäsche oder der ganz lange Weg ins Mittelalter
... oder das schrecklich schöne A.
Wir befinden uns in der zweiten Hälfte des 12.Jahrhunderts nach Christi Geburt. Wir haben keltische Vorfahren. Unser Wohnort ist 1156 zum ersten Mal urkundlich erwähnt worden. Vor bald hundert Jahren wurde von dem Grafen von Comburg auf dem Umlaufberg des Kochers das Benediktinerkloster gegründet. Bischof Gebhard von Würzburg bestätigt 1156 die Weihe von St.Michael, und wir haben einen Michaelismarkt. Später - im Jahre 1189 - wird bei uns der Heller geprägt. Wir sind eine Reichsstadt.
Früher gehörte ich zu den Herrschaften einer staufischen Burg und sollte mit dem Sohn von #*grr+ (bitte erinnert mich nicht an seinen Namen), vermählt werden. Er beschloss während eines Gelages mit seinen Kumpeln kurz vor der Hochzeit am Kreuzzug teilzunehmen. Ich zog damals in meiner Verblendung mit und erlebte so einiges.
Die Mode der Staufer ist mir geläufig und ich sah die französische, normannische, maurische und die des Orients. Ich sah mein erstes Spinnrad, war aber von der Qualität der Fäden nicht angetan. Ich hörte vom Briefwechsel zwischen Eleonora und Hildegard ...
... und lernte meinen Troubadour kennen. Jetzt bin ich Reichstadtbürgerin.
Auf meiner Terasse habe ich keinen Flachs angebaut und im Vorgarten grasen keine Schafe, aber trotzdem werde ich nun versuchen alles ohne Nähmaschine weitgehend nach Bildnissen, Funden und Beschreibungen zu nähen.
Diesmal fange ich ganz von unten an. Zuerst kommt nun die Unterwäsche dran. Hier liegt flachsfarbener feinerer Leinestoff und eine Rolle Flachsgarn. Am schnellsten ist das Thema Bruche für mich als Frau erledigt. Da verbrauche ich keine Elle Stoff und kein einziges Stückchen Zwirn. (Lediglich einmal im Monat hätte ich so eine Art Windelhosengewickele angezogen. Das sind allerdings Vermutungen. Originalfunde gibt es keine). Und mein Gatte?
Eine Bruche nach Schnittschema von Purrucker (Artikel von Andreas Sturm in Karfunkel 75) nehme ich mir vor. Ein Hosenbein besteht aus Webbreite des Stoffes (um die 80cm) und der Länge von drei Ellen - das wäre demnach 120cm - . Das gerade Zwischenstück, das beim Tragen im Schritt sehr faltig wird, müsste etwa eine halbe Webbreite breit sein. Stoff ist etwas knapp und mein Barde etwas kleiner, so hoffe ich, dass alles am Ende passen wird.
auf geht's:

eine Art Kappnaht, wobei manchmal nur eine Seite umgeschlagen und die Webkante ohne Umklappen darübergelegt wird

die Bundweite wird 220 cm werden. Unklar ist, wie ich zu einer weitgehend authentischen Befestigung an der Taille komme. Die Quellenlage ist zu unpräzise. Strick aus Flachs?



